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dig dis!cover mit Sebastian Groth

Wie bist du ursprünglich zur elektronischen Musik gekommen? Gab es bestimmte Künstler:innen, Events oder Releases, die dich besonders geprägt haben?
Das hat bei mir schon ultra früh angefangen, noch in der Grundschule. Ich bin in den 90ern groß geworden, da war Techno gerade neu. Im Fernsehen liefen damals die ersten Love Parades, Maydays und so weiter.So bin ich schon sehr früh mit elektronischer Musik in Berührung gekommen. Ich wollte dann DJ werden – alle anderen wollten in einer Band spielen, aber darauf hatte ich keinen Bock. Mit 14 habe ich mir dann von meinem Konfirmationsgeld meine ersten Turntables gekauft. Ich habe auch wirklich darauf hingearbeitet – aber natürlich nie damit gerechnet, dass es irgendwann tatsächlich klappt.

 

Du hast zuerst mit dem Label Audition gestartet und dann im Mai 2017 mit dem ersten Release auf Rewasted losgelegt. Wie kam es zu dieser Entwicklung? Was hat dich motiviert, ein weiteres Label zu gründen – und was war dir beim Start von Rewasted besonders wichtig?
Ich hatte vorher schon ein anderes Label, aber eben bei einem anderen Vertrieb – und da war ich ultra unzufrieden. Mit Audition wollte ich dann einen Neustart machen, auch weil zu der Zeit Peaktime-Techno mehr im Kommen war. Ich hatte sogar vor, ein neues Pseudonym zu starten, aber das hat sich dann irgendwie verlaufen, weil Hardtechno plötzlich wieder zurückkam und ich dann doch bei dem bleiben konnte, was ich eigentlich lieber mache.
Vorher hatte ich noch das Label Rewashed, das habe ich dann beendet und quasi einen kompletten Reset gemacht – mit Rewasted als Anschluss, dann eben auch über euch. Ich mache das andere Projekt zwar noch ab und zu, aber nicht mehr so, wie ich es damals geplant hatte. Es war eigentlich für Peaktime-Techno gedacht, aber die Richtung habe ich später gar nicht mehr verfolgt. Jetzt nutze ich das nur noch, wenn ich zu viele Releases für Rewasted habe – dann verlagere ich meinen eigenen Output dahin, damit es auf Rewasted nicht zu viele Überschneidungen gibt.
Rewasted ist auf jeden Fall mein Hauptding, mein Baby. Da release ich wirklich nur das, was meinen Sound auch repräsentiert. Ich bin da auch sehr picky bei der Auswahl der Tracks. Am Anfang habe ich unfassbar viel Werbung reingesteckt, aber das hat sich relativ schnell ausgezahlt. Mittlerweile läuft das meiste ziemlich gut von selbst.

 

Wie würdest du den Sound deines Labels jemandem beschreiben, der euch noch gar nicht kennt? Gibt es bestimmte stilistische Merkmale oder eine übergeordnete Vision, die eure Veröffentlichungen miteinander verbindet?
Ich würde sagen, gerade in den letzten drei Jahren hat sich im Hard-Techno-Bereich einiges verändert. Mein Eindruck ist, dass mittlerweile vieles teurer geworden ist als noch vor ein paar Jahren – zum Beispiel Produktionen, Promotion, alles drumherum. Klar, es ist nicht ganz einfach, gegen diese großen Major-Labels anzukommen, die riesige Promo-Budgets raushauen. Aber interessanterweise spiegeln sich diese Unterschiede nicht unbedingt in den Verkaufszahlen wider. Man merkt es eher an den Chartplatzierungen – da kommt man nicht mehr ganz so leicht nach oben wie früher. Damals war das deutlich einfacher, heute ist die Konkurrenz einfach viel stärker.
Was unseren Sound betrifft: Ich würde schon sagen, das klingt ganz klar nach Hard-Techno. Es ist mittlerweile ein ziemlich eigenständiger Stil geworden. Und was sich definitiv verändert hat, ist die Plattform-Landschaft. Früher lief alles über Beatport, das war so das Ding. Heute hat sich das stark Richtung Streaming verschoben. Spotify ist inzwischen deutlich wichtiger, auch was die Einnahmen betrifft. Die Streams bringen mittlerweile mehr ein als die klassischen Downloads – zumindest bei uns. Deshalb legen wir Releases heute auch viel mehr auf Streaming aus.
Ich finde es auch spannend, dass der Sound nicht mehr nur rein für DJs gedacht ist. Es hat sich geöffnet. Viele hören die Tracks beim Sport, beim Laufen oder im Fitnessstudio. Das habe ich schon oft gehört – und früher hätte ich nie gedacht, dass man sich so harte Musik freiwillig zu Hause anhört. Aber genau das passiert jetzt. Und so erweitert sich auch unser Katalog, weil der Sound in viel mehr Lebensbereiche passt als früher. Das war 2014, als wir gestartet sind, noch ganz anders.

Worauf achtest du, wenn du neue Artists für dein Label signen möchtest? Gibt es musikalische Kriterien, auf die du besonderen Wert legst?
Ich finde, bei uns gibt’s mittlerweile eine richtig große Bandbreite an unterschiedlichen Artists. Früher gab es noch bestimmte Kriterien, aber im Moment eigentlich gar nicht mehr so. Es gab eine Zeit, da kamen so viele Demos und Inputs rein, dass ich gar nicht hinterherkam, neue Sachen anzuhören – einfach weil wir schon ein Jahr im Voraus komplett vollgeplant waren.
Letztes Jahr habe ich dann etwas ruhiger gemacht und dadurch habe ich jetzt auch wieder angefangen, ein paar Demos anzunehmen. Sonst habe ich einmal im Jahr so eine Art Contest gemacht, für eine Compilation, bei der wir Newcomer gepusht haben. Lustigerweise sind da einige Acts dabei gewesen, die heute richtig groß sind. Zum Beispiel Carv, der hat damals sein erstes Release bei uns gemacht – oder auch Zeuz. Die waren beide auf dieser ersten Compilation mit dabei.
Ich glaube, der Grund, warum das Label mittlerweile so schnell voll ist, liegt einfach daran, dass es heute so viele gute Produzenten gibt. Musik zu produzieren ist auch viel einfacher geworden als noch vor zehn Jahren – es gibt bessere Tools, mehr Tutorials und dadurch einfach unfassbar viel gute Musik. Auch von Acts, die ganz neu sind.
Klar, ich habe immer gerne große Namen auf dem Label, aber wenn die Musik gut ist, nehme ich auch total gerne Sachen von “No Names”.

 

Du bist als Labelmanager aktiv – wie sieht dein typischer Arbeitsalltag aus? Welche Aufgaben machst du täglich selbst und welche Aufgaben gibst du auch mal ab?
Mittlerweile bin ich da relativ strukturiert. Ich habe mir eine Tabelle gemacht, nach der ich mir jeden Tag feste Zeiten einteile – zum Beispiel zwei Stunden für Labelarbeit, zwei Stunden fürs Produzieren und dann alles, was sonst noch so anfällt. Da gehört natürlich auch Buchhaltung dazu und alles andere, was hinter den Kulissen läuft. DJ klingt für viele immer nur nach Wochenende und Party, aber es steckt deutlich mehr dahinter.
Früher war das oft chaotisch – alles gleichzeitig, alles durcheinander. Inzwischen habe ich da zum Glück eine gewisse Linie reingebracht. Es ist trotzdem ganz schön viel, wenn man alles selbst macht.
Ich mache tatsächlich fast alles alleine – vom Artwork bis zur Veröffentlichung. Nur die Demos lasse ich manchmal von Kollegen vorsortieren, weil da einfach unfassbar viel reinkommt. Man merkt schon, dass manche Leute einfach irgendwelche Listen mit Demo-Adressen gekauft haben – dann kommt da plötzlich House, Ambient oder was völlig anderes rein, das gar nicht passt. Da hilft es, wenn das vorher gefiltert wird.
Aber den Rest mache ich komplett selbst. Viele denken wahrscheinlich, man hat einfach Musik, lädt sie hoch und fertig. Aber da steckt deutlich mehr dahinter: Release-Planung, Kommunikation mit den Artists, Abrechnungen und alles, was dazugehört. Das ist echt ein Fulltime-Job.
Ich bin ehrlich gesagt ganz froh, dass Künstliche Intelligenz in den letzten Jahren so stark geworden ist. Das hilft mir schon enorm – zum Beispiel bei Verträgen. Da kann man oft nur die Basis eingeben und der Rest wird automatisch ergänzt. Das spart eine Menge Zeit.

 

Wie ist das bei deinen Musikproduktionen? Gerade weil das ja eine kreative Arbeit ist – passiert das auch eher spontan oder folgst du da einem festen Plan?
Nee, gar nicht. Das hat bei mir noch nie funktioniert. Wenn ich mich hinsetze und mir vornehme: „Ich mache jetzt Musik“, dann klappt das eigentlich nie. Es funktioniert nur, wenn ich wirklich spontan Lust habe – dann lasse ich aber auch alles andere stehen und liegen.
Wenn ich wirklich Bock habe, dann funktioniert es auch richtig gut. Das sind dann meistens auch die Tracks, die später am besten ankommen. Viele davon habe ich in einer einzigen Session fast komplett durchgezogen. Die kamen einfach so aus dem Flow – und genau das hört man den Tracks auch an. Sobald ich mich zwinge oder mir denke: „Heute muss ich was machen“, obwohl ich keinen Drive habe, kommt nichts Gutes dabei raus.
Ich habe mittlerweile seit fünf Jahren wieder ein eigenes Studio zu Hause. Vorher war das Studio an einem anderen Ort, aber das hat mich eher ausgebremst – allein schon, weil ich immer erst hinfahren musste. Kurz vor Corona habe ich mir das Studio dann wieder nach Hause geholt – zum Glück.
Seitdem läuft es besser. Wenn ich zu Hause bin und merke, jetzt ist der Moment da, dann kann ich direkt loslegen. Unterwegs habe ich das früher auch mal versucht – gerade als ich viel getourt bin – aber ich habe gemerkt, ich brauche meinen festen Raum. Dort entstehen meine Tracks. Klar, ich schreibe mir unterwegs mal Ideen ins Handy, aber die eigentliche Arbeit passiert bei mir im Studio zu Hause.

Wie kam der erste Kontakt zu dig dis! zustande? Was hat dich damals überzeugt, mit uns zu starten – und wie läuft die Zusammenarbeit aus deiner Sicht heute?
Ich weiß gar nicht mehr ganz genau, wie der erste Kontakt entstanden ist. Ihr wurdet mir damals von mehreren anderen Künstlern empfohlen und hattet schon einen ziemlich guten Ruf. Ich habe mich dann, ich glaube, noch mit Chris ausgetauscht – er kannte meine Arbeit sogar schon. Das hat sich alles direkt gut angefühlt.
Vorher war ich schon bei zwei anderen Vertrieben mit verschiedenen Labels, aber da war ich nie wirklich zufrieden – vor allem, weil es kaum vernünftigen Support gab. Das ist bei euch komplett anders. Ich kann mich da wirklich überhaupt nicht beschweren. Ich bekomme immer eine Antwort, alles läuft zuverlässig, und ich habe auch nicht das Gefühl, einfach nur irgendeiner von vielen zu sein.
Ich habe dig dis! auch schon oft anderen Künstlern weiterempfohlen, gerade wenn sie ein neues Label starten wollten. Für mich ist der persönliche Kontakt das Wichtigste – und genau das läuft bei euch richtig gut. Man merkt einfach, dass bei euch Leute sitzen, die wirklich Bock auf das haben, was sie tun. Im Vergleich zu anderen Vertrieben, bei denen es oft nur ums Geldverdienen geht, ist das bei euch wirklich eine ganz andere Energie.
Auch wenn mal irgendwas schiefläuft – Metadaten korrigieren oder so – ist das bei euch gar kein Thema. Bei anderen war das teilweise ein riesiger Aufwand, aber wenn ich bei euch meinen Labelmanager anschreibe, wird das einfach schnell und unkompliziert gelöst. Egal, worum es geht – das funktioniert bei euch einfach richtig gut.

 

Gibt es Ziele, die du mit dem Label in den kommenden ein bis zwei Jahren erreichen möchtest? Sind bestimmte Events, Projekte oder neue Artist-Kooperationen geplant?
Wir hatten bis vor etwa einem Jahr einen Podcast, den starten wir jetzt wieder – gemeinsam mit den Artists. Der geht wahrscheinlich in den nächsten Wochen wieder an den Start. Auch das Label bekommt dadurch nochmal einen neuen Push.
Wir überlegen außerdem, ob wir Label-Partys machen – da gab es in letzter Zeit ein paar Anfragen. Das Problem ist nur, dass viele Artists bei unterschiedlichen Booking-Agenturen sind. Nur weil man auf demselben Label released, heißt das nicht automatisch, dass man alle ohne Weiteres auf ein Event bekommt. Aber es gibt auf jeden Fall Ideen dazu, auch wenn das Konzept noch nicht ganz ausgearbeitet ist. Die Idee habe ich eigentlich schon länger – sogar schon vor Corona – aber dann kam das natürlich dazwischen.
Ich würde auf jeden Fall gerne mehr Label-Partys machen. Und jetzt nach dem Sommer starten wir auch wieder in unseren Zwei-Wochen-Rhythmus, so wie wir ihn früher schon hatten: Alle zwei Wochen ein neues Release, entweder von einem neuen oder einem bestehenden Artist. Das finde ich ziemlich cool.
Im Kern geht es also um gesundes Wachstum, kontinuierliche Veröffentlichungen und darum, die Reichweite weiter auszubauen. Und klar, solche Label-Events sind auch gut für den Markenaufbau – müssen ja nicht jedes Wochenende sein, aber hin und wieder wäre das auf jeden Fall spannend.
 

Danke für das Gespräch, Sebastian! Es war spannend, mehr über deinen Werdegang, den Aufbau deiner Labels und deinen Blick hinter die Kulissen der Technoszene zu erfahren. Wir wünschen dir weiterhin viel Erfolg – und freuen uns auf die nächsten Releases!

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